Alt-Zunftmeister


Wer das Zunftmeisteramt annimmt, weiss auch, dass der Obrigkeits‑Einsatz zeitlich begrenzt ist. Ein Jahr dauert die fasnächtliche Regierungszeit, danach ist der Thron zugunsten einer neuen und «unverbrauchten» Kraft zu räumen. An dieser Regelung gibt es nichts zu rütteln. Ein Trost jedoch bleibt dem Würdenträger a.D.: Die Gilde der Alt-Zunftmeister steht bereit und nimmt die «Entthronten» sehr gerne in ihre Reihen auf.

Ernst Wyss, letzter Froschkönig, bevor 1961 das Oberhaupt der Fröschenzunft «Zunftmeister» genannt wird, ist treibende Kraft für den Zusammenschluss der ehemals gekrönten Häupter. Er organisiert dann auch den ersten Zunftmeister-Ausflug.

Die Fahrt geht abends in Privatautos nach Walchwil. Im Restaurant Sternen wird eingekehrt und in gemütlicher Atmosphäre Kontakte gepflegt. Nach und nach entwickeln sich diese Abendfahrten zu Nachmittags- und Ganztagsreisen: Malbun und Twann, Orselina und die Insel Mainau reihen sich in den Katalog der Ausflugsziele.

Bei den wachsenden Teilnehmerzahlen erweist sich der Personenwagen bald als ungeeignetes Verkehrsmittel. Man hält sich dann an den Slogan: «Mir fahrid mit der SBB». Danach setzen sich aber bald einmal die Vorteile eines Reisebusses durch. Vor allem die älteren Teilnehmer schätzen die Bequemlichkeit und den Komfort des schienenungebundeden Fahrzeuges.

Während heute in einem gemütlichen Restaurant an der Reiseroute Kaffee‑Halt gemacht wird, und der Zunftmeister für die «Wegzehrung» aufkommt, strichen und belegten vor 20 Jahren Herr und Frau Zunftmeister am frühen Morgen des Reisetages kleine Brote für den Znüni. Kaffee wurde damals in Thermosflaschen mitgenommen. Wer Lust auf ein Gläschen «Weissen» hatte, dem wurde auch dies angeboten. Walter Brunner hatte praktische Behältnisse geschreinert, in denen die kleinen Weisswein Gläser gefahrlos transportiert werden konnten. Diese Art von Znüni, so erinnern sich heute diejenigen, die es erlebt haben, war attraktiv, solange auch Petrus mitspielte. Regnete es, blieb der Reisegesellschaft oft nichts anderes übrig, als im Car zu «speisen» und zu trinken. Weil es dann an den Ausflügen einige Male vom Himmel tropfte, entschloss man sich für die wetterfeste Variante «Restaurant».

Das Tätigkeitsprogramm der Alt-Zunftmeister ist mittlerweile um einen Frühlings- und Herbsthöck erweitert worden. Die jeweiligen Obmänner gestalten diese abendlichen Zuammenkünfte: Jassen, Exkursionen, Dia-Vorträge, Grillpartys werden ins Programm genommen und finden allgemein Anklang. Tradition geworden ist auch der Huldigungs‑Auftritt im Rahmen der Inthronisation. Aus der «Küche» der Alt-Zunftmeister kommt der Preisjasset, an Mittefasten im Restaurant Ebel. Der Erlös dieser Veranstaltung fliesst in die allgemeine Zunftkasse.

Während 15 Jahren betreute Ernst Wyss das Amt des Reiseleiters, daneben stand er eine Zeitlang der Gruppe als Obmann vor. Walter Brunner entlastete ihn in dieser Charge, und Paul Haupt übernahm von Ernst Wyss 1975 die Organisation der Ausflüge. In die Galerie der Alt-Zunftmeister-Obmänner reihen sich auch Rolf Aschwanden, Paul Haupt, Paul Suter und Hans Schicker ein. Hans Schicker steht seit 1987 an der Spitze der Alt-Zunftmeister. Ihren Obmann bestimmen die Alt-Zunftmeister jeweils am Herbst- oder Frühlingshöck.

1970 beschliessen die Alt-Zunftmeister einen einheitlichen Veston, in den Farben dunkelgelb/grün, anzuschaffen. Kostenpunkt: 90 Franken pro Jacke. Im Namen der Alt-Zunftmeister beantragt der amtierende Zuftmeister Hans Nussbaum an der GV einen finanziellen Zustupf. 21 Jahre sind nicht ohne Spuren an den Jacken vorbeigegangen, sodass auch die Alt-Zunftmeister und ihre Frauen, um am 50Jahre-Jubiläum gute Figur zu machen, neue Uniformen bestellten.

Seit 1971 sind die Alt-Zunftmeister, dank den Bemühungen von Walter Brunner, durch den Obmann im Vorstand der Fröschenzunft vertreten. Walter Brunner trat mit einem entsprechenden Antrag an den Vorstand und begründete seinen Vorstoss damit, dass der Kontakt zwischen dem Vorstand und den Alt-Zunftmeistern mangelhaft sei. «Dies habe vor allem \Nährend der Fasnachtszeit schon oft zu Missverständnissen geführt. Für die Alt-Zunftmeister sei es nicht immer klar, welche Funktionen sie auszuüben haben». Mit dem gleichen Begehren, das die Generalversammlung dann auch gutheisst, beantragt Walter Brunner, dass dem Zeremonius ebenfalls ein Sitz im Vorstand zugewiesen wird.

Zunftmeister-Frauen

Dem aufmerksamen Leser dieses geschichtlichen Rückblicks muss aufgefallen sein, dass in der Zunft die Frauen eine eher untergeordnete Rolle spielen. Von der Zunftmutter, neuerdings auch Zunftlady genannt, ist ebenfalls nur selten die Rede. Dabei kann ohne Obertreibung gesagt werden, dass die Gattin das Rückgrat des Zunftmeisters ist.

Erstens bestimmt sie, ob ihr Angetrauter Zunftmeister werden soll oder nicht. Die Zunftmeister-Wahl-Delegation klopft nämlich zuerst bei der Frau des «Auserwählten» an, um sie nach ihrer Meinung zu fragen. Werden sie «handelseinig», ist die Sache zu neunundneunzig Prozent sicher, und die Einwilligung des Hausherrn ist meist nur noch Formsache.

Auf Frau Zunftmutters Schultern ruht praktisch die hausinterne Festorganisation. Sie lädt ein, sie bastelt, sie bespricht sich, meist im Geheimen, mit dem Zeremonius und mit dem Personenkreis, der dem neuinthronisierten Würdenträger huldigen will. Sie geht auf Kleidersuche für die Ehrendamen und sorgt, als sehr wichtige Aufgabe, für das leibliche Wohl des Fröschenherrschers, damit dessen Untertanen ihn als strahlenden und unternehmungslustigen Herrscher erleben können.

Die Zunftmutter kann meist auch im Gefolge des Fröschenherrschers gesichtet werden. Bei den Besuchen in den Kindergärten, in der Zuwebe, an den Umzügen, steht sie als helfende Kraft immer in der Nähe bereit. Meist streift sie sich aus dem Fundus der Fröschengruppe ein Fröschenkleid über und kann damit ebenso aktiv, wie ihr Zunftmeistergatte, am Fasnachts-Geschehen teilnehmen.

1994 erhielten die Alt-Zunftmeister eine Fahne

Drei Räbeväter in Nachbarschaft zu haben, die zur Fasnachtszeit mit erhobener Brust ihre Räbeflaggen hissen, lassen einen fahnenlosen Ebeler Zunftmeister, auch wenn ihm Neid sonst ferne steht, nicht kühl. Jörg Gretener (wohnhaft an der Ägeristrasse in Baar) durchlebt seit seiner Amtszeit von 1986 mehrere Male diese «unwürdige» Situation. Er wollte aber nicht länger abseits stehen, fasste sich ein Herz und wandte sich an Albi Haupt. Sie hat in Sachen Fröschenfahnen Erfahrung. In eigener Regie hatte sie vor einiger Zeit ein Flaggentuch mit dem Fröschenzunft-Symbol kreiert. Gemeinsam wollen sich Albi Haupt und Jörg Gretener für eine Alt-Zunftmeister-Fahne einsetzen.

Alt-Zunftmeister, die dem Fahnenwunsch positiv gegenüberstehen, sind bald gefunden. Die Suche nach einem fahnenwürdigen Frosch-Sujet zieht sich dann aber länger hin als erwartet. Eine Fahnen-Arbeitsgruppe nimmt Vorschläge entgegen. Der Entwurf von Alt-Zunftmeister Rolf Aschwanden findet am meisten Gefallen und wird dem Atelier von Ah in St. Niklausen am Vierwaldstättersee zur Verarbeitung übergeben.

Es versteht sich fast von selbst, dass die Übergabe der Fröschenfahne gefeiert werden muss. Jörg Gretener, die treibende Kraft in Sachen Zunftmeisterfahne, lädt auf den 8. Januar 1994 zu sich nach Hause ein.

Eine Kleinformation der Guggemusig Los Eiblos umrahmt mit dem Fahnenmarsch den Fahnenaufzug.

Der noch amtierende Zunftmeister Franz Elsener, Zunftmeisteraspirant Ernst Schwerzmann, Zunftmeister-Obman Hans Schicker, die Alt-Zunftmeister und die Räbeväter Josef Kreienbühl und Werner Suter freuen sich dort mit ihren Gattinnen und der Fröschenschar über die neue Fahne, die im Kreis der Räbeväter-Flaggen Kontraste setzt.

Und noch eine Genugtuung erlebt Fahneninitiant Gretener am festlichen Morgen: Die «Räbeväter-Gässli-Tafel», die den Weg zu den Residenzen der ehemals gekrönten Baarer Häupter zeigt, erhält ebenfalls Konkurrenz durch die Markierung mit der Aufschrift «Zunftmeister-Allee». Paul Langenegger räumte mit der Übergabe dieser Tafel auch die zweite Ungleichheit in Jörg Greteners Nachbarschaft aus der Welt.

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Baarer Fasnachtsumzug 2001